Rede zur Ausstellungseröffnung „Lust im Prinzip“ im Erotic Art Museum Hamburg

09.03.2023

Liebe Gäste,

es ist mir eine große Freude, sie hier und heute zur Vernissage der Ausstellung „Lust im Prinzip – von der Scham zum Vergnügen“ von Christian Schanze begrüßen zu können. An dieser Stelle möchte ich mich auch gleich bei Ekkehart Opitz vom Erotic Art Museum Hamburg herzlich bedanken, dass er uns eingeladen hat.
Ich bin Birgit Woide und habe Christian Schanze als Kuratorin und Ausstellungsmacherin bei der Umsetzung dieser Ausstellung beraten und unterstützt.

Gestatten Sie mir ein paar einleitende Worte zum Thema und Anliegen dieser Ausstellung.

Der Titel greift den Begriff des Lustprinzips von Sigmund Freud auf. Stark verkürzt bedeutet das Folgendes: Der triebhafte Teil unserer Persönlichkeit, das sogenannte „ES“, strebt nach sofortiger Befriedigung seiner elementaren Bedürfnisse, z. B. Hunger, Durst, Schlaf und eben auch der sexuellen Lust. Er gerät dabei häufig in Konflikt mit unseren verinnerlichten moralischen Vorstellungen, die Freud als Über-Ich bezeichnet.

Aus diesem Konflikt entsteht ein Unlustgefühl, das wir vermeiden wollen. Wir unterdrücken also entweder unsere Bedürfnisse, oder wir erfüllen sie uns und haben dann ein Problem mit unserem Gewissen. Ich glaube, jeder von uns kennt dieses Dilemma und hat seine Art, damit umzugehen, entwickelt.

In den Werken, die hier zu sehen sind, setzt sich Christian Schanze genau mit diesen so ambivalenten Gefühlen, im Kontext von Beziehung, Liebe, Erotik, Lust, der Suche nach körperlicher und sexueller Identität und den damit verbundenen positiven wie negativen Gefühlen auseinander.
Seine künstlerische Sprache ist leidenschaftlich, provokant und humorvoll zugleich.

Neben der ganz individuellen Bedeutung hat dieses Thema unserer Meinung nach auch eine gesellschaftliche Relevanz.

Nacktheit und Sexualität sind in unserer Medienlandschaft allgegenwärtig: „Sex sells“. Bücher und Filme, die das Thema Sexualität verhandeln, stoßen auf großes Interesse. Ich erinnere hier an „Fifty shades of gray“, aber auch Filme wie „Die Klavierspielerin“ und ein ganz aktuelles Beispiel von der Berlinale „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“. Diese Liste könnte beliebig verlängert werden.

Die Möglichkeit, seine Geschlechtszugehörigkeit zu bestimmen, differenziert sich immer weiter aus. Die „Sex-Positiv-Bewegung“ findet zunehmend Anhänger. Aber es gibt nach wie vor Diskriminierung, insbesondere von weiblicher Sexualität und der von Minderheiten.
Um nur ein Beispiel zu nennen, eine weibliche Brustwarze darf weiterhin nicht in der Öffentlichkeit oder in den sozialen Medien gezeigt werden. Verstöße dagegen werden mit Verbannung von der Plattform belegt. Aus Zensur wird so schnell Selbstzensur. Selbst weltbekannte Kunstwerke, z. B. von Egon Schiele, sind betroffen. Aus Protest haben mehrere Wiener Museen gemeinsam einen Account auf der Plattform „OnlyFans“ eröffnet, der in erster Linie für „nackte Tatsachen“ bekannt ist, um dort ihre Werke zu präsentieren und auf das Problem aufmerksam zu machen.
Wer bestimmt eigentlich, was „anstößig“ ist und was „das öffentliche Ärgernis erregt“ und was „gegen die guten Sitten“ verstößt? Ich beobachte mit Besorgnis ein Erstarken rückwärtsgewandter Kräfte, die die liberalen Errungenschaften diskreditieren und angreifen.

Jetzt aber zurück zu den Bildern und Objekten von Christian Schanze.

Er beherrscht viele künstlerische Techniken, hat sich dann aber 2015 ganz der Technik der analogen Collage mit Papier verschrieben. Er benutzt bedrucktes Papier wie ein Maler seine Farbpalette.
In den vorangegangenen Serien waren es Berliner Kulturplakate, jetzt dagegen Fotos aus verschiedensten Magazinen, Kalendern und Katalogen, von denen wiederum ein Großteil auf Streifzügen durch die Stadt entdeckt und gesammelt wird.
Dabei sind der Umsetzung seiner inneren Bilder, anders als in der Malerei, durch das zur Verfügung stehende Material Grenzen gesetzt. Das beharrliche Suchen nach dem den Vorstellungen am ehesten entsprechenden Bildteil führt durch die Fülle des Bildmaterials und das Momentum des Zufalls immer wieder zu überraschenden Lösungen.

Sein Bestreben ist es, durch den Einsatz von Perspektive, Verwendung von Licht und Schatten, Farbigkeit und die Platzierung der Figuren eine intensive räumliche und sogar naturalistische Wirkung zu erzielen und diese dann gleichzeitig mit einer magischen Realität zu verschmelzen.

Je nach Größe und Komplexität dauert die Fertigstellung eines Werkes eine Woche bis mehrere Monate.

Manch einen Besucher wird es verwundern, warum hier nicht die Originale, sondern limitierte Prints gezeigt werden. Das liegt daran, dass die Originalarbeiten unter dem Einfluss von Tageslicht schnell und unwiederbringlich leiden würden. Denn das verwendete Material ist nicht für eine lange Lebensdauer und Lichtbeständigkeit ausgelegt. Außerdem können so klebeprozessbedingte Unebenheiten ausgeglichen werden. Trotzdem bleibt die Charakteristik der Papiercollage erhalten. Das Original ist sozusagen der „Druckstock“.

Vielleicht fühlt sich der Ein oder Anderen von Ihnen, an Werke Alter Meister erinnert. Das ist kein Zufall, denn Christian Schanze setzt sich im Kontext seines Themas immer wieder mit berühmten Werken der Kunstgeschichte vom Mittelalter bis zum Barock, aber auch mit Mythen, Sagen, biblischen Texten, Musikstücken und literarischen Vorlagen auseinander.

Ich bin mir sicher, dass die hier ausgestellten Werke keinen Betrachter unberührt lassen und zur Auseinandersetzung über die eigene Sexualität und die damit verbundenen ambivalenten Gefühle anregen.
Schauen Sie genau hin, es lohnt sich, denn es gibt viele interessante und humorvolle Details zu entdecken und sprechen sie uns gerne an, wenn sie nähere Erläuterungen zu einzelnen Bildern haben möchten, das würde uns sehr freuen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.